Zeichnung als Methode

Petja Siebenstein

7/14/20262 min read

Viele meiner Arbeiten beginnen mit einer Zeichnung. Trotzdem würde ich mich nicht in erster Linie als Zeichnerin bezeichnen.

Die Zeichnung ist für mich selten das eigentliche Werk. Sie ist eher ein Werkzeug, eine Methode, um an etwas heranzukommen, das sich dem bewussten Denken entzieht.

Deshalb entstehen diese Zeichnungen sehr schnell. Oft in wenigen Sekunden. Ohne Plan, ohne Korrekturen und ohne die Absicht, etwas Bestimmtes darzustellen. In diesem Moment versuche ich nicht, eine Figur, ein Tier oder eine Geschichte zu erfinden. Ich versuche eher, dem Denken aus dem Weg zu gehen.

Manchmal beschreibe ich diesen Vorgang als das Auswerfen einer Angel.

Nicht in einen See, sondern ins Unbewusste.

Die Zeichnung ist dabei nicht nur der Fang. Sie ist auch die Angel.

Bergen

Im ersten Schritt geht es nur darum, Material zu sammeln.

Die Linie bewegt sich schnell über das Papier. Das Ergebnis überrascht mich oft selbst. Nicht weil die Zeichnung besonders gelungen wäre, sondern weil sie Dinge enthält, die ich nicht bewusst geplant habe.

Widersprüche können nebeneinander stehen. Mehrere Emotionen gleichzeitig auftauchen. Formen können unklar bleiben.

Genau das interessiert mich.

Betrachten

Sobald der erste Teil, die schnelle Zeichnung fertig ist, verändert sich meine Rolle.

Die Geschwindigkeit endet.

Das bewusste Denken kehrt zurück.

Jetzt geht es nicht mehr darum, etwas hervorzubringen, sondern darum, hinzuschauen.

Ich betrachte die Zeichnung wie ein Fundstück.

Ich suche nicht nach neuen Formen. Ich suche nach dem, was bereits da ist.

Plötzlich tauchen Wesen auf. Gesichter. Tiere. Vögel. Geister. Manchmal etwas völlig anderes.

Ich habe sie nicht erfunden.

Ich erkenne sie.

Dieser Unterschied ist für mich wichtig.

Ordnen

Manchmal denke ich dabei an jemanden, der am Strand gefundene Dinge sortiert. Oder an ein Kind, das seine gesammelten Schätze betrachtet.

Die Zeichnung hat das Material geliefert.

Nun beginnt das Ordnen.

Welche Form möchte sichtbar werden? Welche Figur tritt in den Vordergrund? Was gehört zusammen?

Mit wenigen bewussten Eingriffen werden einzelne Elemente hervorgehoben. Nicht um die Zeichnung schöner zu machen, sondern um sichtbar zu machen, was bereits angelegt ist.

Weiterentwickeln

Für mich endet der Prozess selten bei der Zeichnung.

Aus ihr entstehen Bildarbeiten, Objekte, Installationen oder digitale Transformationen.

Die Zeichnung ist deshalb weniger ein Endpunkt als ein Ausgangspunkt.

Sie liefert Rohmaterial.

Der eigentliche künstlerische Prozess entsteht im Wechsel zwischen intuitivem Bergen und bewusstem Erkennen.

Vielleicht ist genau dieser Wechsel der Kern meiner Arbeit.

Nicht die Zeichnung selbst.

Sondern die Bewegung zwischen dem Finden und dem Verstehen dessen, was gefunden wurde.

Einige dieser Zeichnungen findest du

hier

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